

Rheinbote
Kuba
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Express/Düsseldorf vom 21.3.2007 Exilkubaner de Dios:
(Brief von Reinaldo Escoba, kubanischer Journalist, Havanna) Senor Juan Vinagera y Valle: |
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Frankfurter Rundschau vom 16.Juli 2007 Keine Luft für das Saxofon Eine Straße ohne Gesicht. Hinter dem unscheinbaren 60er-Jahre-Haus erstreckt sich Düsseldorfs Prachtstraße, die Königsallee. An der Vorderfront des Hauses braust unablässig der Verkehr in Richtung Bahnhofsviertel vorbei, verursacht Lärm und Staub. Besucher lassen die Pferde-Wettannahme hinter sich, biegen in eine Toreinfahrt, steigen in den winzigen, schäbigen Aufzug. Sechs Etagen rumpelt er hoch. Endlich dann der Schritt in eine andere, verträumte, buntschillernde, wenn auch räumlich sehr beengte Welt.
Ein letzter Blick auf die Bildchen im Flur, die Fotos des stolzen Mannes mit dem Saxofon. Nippes und Erinnerungsstücke. Relikte eines Lebens, das ganz anders hätte verlaufen können - wenn, ja wenn der Musiker Juan de Dios nicht zwischen die Räder der Politik geraten wäre. zum Seitenanfang |
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Hamburger Abendblatt Schicksal Juan de Dios Vinagera ist einer der letzten lebenden Musiker, die in dem legendären Musikklub gespielt haben
Heimweh nach Kuba - und dem Buena Vista Social Club 1968 floh der Mann, der Fidel Castro persönlich kannte, vor dem Regime in Havanna. Heute lebt er in Düsseldorf. Er hat einen großen Wunsch: Einmal noch die Heimat sehen. Von Barbara Möller Düsseldorf. Ein alter Herr sitzt in einer winzigen, mit Fotos und Nippes vollgestopften Wohnung unweit der Königsallee in Düsseldorf. Er ist elegant gekleidet - Sakko, Weste, Seidenkrawatte, messerscharfe Bügelfalten, auf Hochglanz polierte Schuhe. Nur das Herz macht nicht mehr richtig mit. Das Luftholen fällt ihm schwer. Havanna. Auch dort sitzt ein alter Mann. Er blickt desorientiert in eine Fernsehkamera. Man hat ihm einen bunten Trainingsanzug der Firma Adidas angezogen. Über der linken Brust ist in Großbuchstaben sein Name eingestickt: "Castro". 7983 Flugkilometer liegen heute zwischen dem Exil-Kubaner Juan de Dios Vinagera und dem Máximo Lider Fidel Castro, der immer seltener vorgezeigt wird. Von Demenz ist die Rede. Vor so einem muss sich eigentlich keiner mehr fürchten, aber der Apparat des Diktators funktioniert noch. Wer "in klarem Widerspruch zu den Normen der sozialistischen Moral" lebt, muss auf Kuba mit vier Jahren Gefängnis rechnen, und wer es an "Respekt" vor Castro persönlich mangeln lässt, verschwindet schnell mal für sechs Jahre hinter Gittern. Juan de Dios Vinagera ist Fidel Castro in seinem Leben zweimal begegnet. Das erste Mal 1956 in Mexiko-Stadt. Damals war Vinagera 25 Jahre alt und bereits ein bekannter und erfolgreicher Musiker. Als Saxofonist hatte er in Havanna zur legendären Riverside-Truppe gehört, die regelmäßig im Buena Vista Social Club spielte, dort hatte er mit Perez Prado, Beny More und Celia Cruz Musik gemacht. Jetzt war er mit Heriberto Pino in Mittel- und Südamerika auf Tournee. Und wie immer, wenn sie in Mexiko-Stadt gastierten, war Vinagera zum Abendessen ins kubanische Restaurant Saura im Distrito Federal gegangen. An diesem Abend fielen ihm drei abgerissene Landsleute am Nebentisch auf, die hitzig über die Amerikaner redeten, die Havannas Spielhöllen und Bordelle an den Wochenenden überfluteten. Irgendwann stand einer der drei Männer auf und kam zu Vinagera herüber. "Wir haben dich spielen hören", meinte er. "Du bist ein großartiger Musiker, aber jetzt wäre es besser, du würdest dich uns anschließen: Wir werden Batista beseitigen." Es war Fidel Castro, der seine Begleiter als seinen Bruder Raul und seinen Freund Ernesto Che Guevara vorstellte. ,Was für Spinner!', hat sich Vinagera damals gedacht und die Sache schnell wieder vergessen. Bis er Ende 1958 - Vinagera hatte in Mexiko ein Mädchen kennengelernt und wollte heiraten - begreifen musste, dass die Revolution in Kuba tatsächlich stattfand. Nachrichten von chaotischen Zuständen drangen nach Mexiko-Stadt. Davon, dass Castro und seine Leute blutige Jagd auf "Konterrevolutionäre" machten, war die Rede. Dass sie bereits alle Musikklubs geschlossen hatten. Krank vor Sorge beschloss der Musiker, nach Kuba zu fahren, um nach seiner Familie zu sehen. Als er zu Hause ankam, war Fulgencio Batista, der sich 1952 an die Macht geputscht hatte, bereits gestürzt, und Fidel Castro ließ sich als Befreier feiern. Die Eltern drängten den Sohn, das Land schnell wieder zu verlassen. Im Hafen von Havanna lag das letzte Schiff zum Auslaufen bereit, aber über die Stadt war bereits eine Ausgangssperre verhängt. Im Hafen wurde der 28-Jährige wegen "illegaler Landesflucht" verhaftet. Dass Kubas berühmtester Sänger - "El Barbaro del Ritmo" Beny More - von Castros Schergen am Strand niedergeknüppelt worden war, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Man brachte Vinagera in die Festung von Havanna, das bereits völlig überfüllte Castillo del Morro. Dort begannen die Erschießungen. Und dort sah Vinagera die drei Männer aus Mexiko-Stadt wieder: die Castro-Brüder und ihren Freund Che Guevara, denen es offenbar gefiel, den "Konterrevolutionären" beim Sterben zuzusehen. Dank des Eingreifens eines alten Freundes, der unter Castro zum Chef der Geheimpolizei aufgestiegen war, wurde Vinagera in ein Arbeitslager im Südwesten der Insel verlegt, wo politische Gefangene Zuckerrohr und Tabak schnitten. Als er 1968 entlassen wurde, teilte man ihm mit, er könne die Läuterung seines Charakters gleich als kommunistischer Freiheitskämpfer in Angola fortsetzen. Das Schiff laufe in wenigen Stunden aus . . . Der Rest ist schnell erzählt. In seiner Panik ist Juan de Dios Vinagera damals einfach ins Hafenbecken von Havanna gesprungen und hat sich von einem griechischen Frachter auffischen lassen. In Europa gewährte ihm der Vatikan Asyl, anschließend ging Vinagera über Madrid nach Barcelona. Der Sprache wegen. Tagsüber arbeitete er im Hafen, abends machte er mit ein paar anderen Exil-Kubanern im Klub La Paloma Musik. Ab und an übernahm er in Kinofilmen kleine Statistenrollen. Unter anderem in Robert Enricos "Boulevard du Rhum" (mit Brigitte Bardot und Lino Ventura), in Stuart Rosenbergs "Reise der Verdammten" (mit Oskar Werner und Maria Schell). "Davon und von den Auftritten im La Paloma", sagt Vinageras Ehefrau Monika Bandera heute, "konnte er allerdings nicht leben." Sie hat ihren Mann kennengelernt, als er sich gerade entschlossen hatte, nach Costa Rica zu fliegen. Das war Ende 1978. Die beiden sind dann nach Düsseldorf gegangen, weil ihre Familie dort lebte. Und in Düsseldorf sind sie hängen geblieben. Sie als Fremdsprachensekretärin, er als Eisensäger. Dann kam der erste Herzinfarkt. Und dann kam 1999 der Film von Wim Wenders: "Buena Vista Social Club". . . Als Juan de Dios Vinagera in diesem Film alte Weggefährten wie Ibrahim Ferrer, Pio Leyva, Ruben Gonzalez und Compay Segundo nach fünfzig Jahren wiedersah, kam er aus dem Staunen kaum heraus. Erstens, weil es die alten Compadres überhaupt noch gab, und zweitens, weil sie ihren ebenso plötzlichen wie späten Ruhm ganz offensichtlich einem Zufall verdankten. Dem Zufall, Wim Wenders begegnet zu sein. Beziehungsweise dem amerikanischen Musikproduzenten Ry Cooder, der ein paar Aufnahmen mit ihnen gemacht und diese Aufnahmen Wim Wenders vorgespielt hatte. Der Gitarrist Compay Segundo ist im Juli 2003 im Alter von 95 Jahren gestorben. Sechs Monate später erlag der Pianist Ruben Gonzalez, Jahrgang 1919, den Folgen seiner schweren Arthrose, Und vor zwei Jahren beerdigte man in Havanna den 78 Jahre alten Son-Sänger Ibrahim Ferrer. Nur seinen alten Freund Pio Leyva hat Juan de Dios Vinagera noch einmal leibhaftig wiedergesehen: im Februar 2001, als der inzwischen 93-jährige Leyva in der Düsseldorfer Tonhalle gastierte. Da sind sich die beiden Freunde hinter der Bühne in die Arme gefallen. Jetzt ist Juan de Dios Vinagera einer der letzten lebenden Musiker, der noch im legendären Buena Vista Social Club gespielt hat. Ein Musiker, der zum Musikmachen keine Kraft mehr hat, ein Exilant, der sich vor den Peinigern von damals fürchtet, ein alter Mann, dem Heimweh das kaputte Herz abschnürt. Jahrzehnte lang hat der inzwischen 76-Jährige nach seiner Schwester Gregoria Carolina gesucht. Dass sie noch auf Kuba lebt, weiß er erst, seit die deutsche Botschaft die Familie 2001 endlich ausfindig machen konnte. Dass einer der Neffen zu Fidel Castros Vertrauten gehört, macht die Situation für alle Beteiligten nicht einfacher. Die Einreise nach Havanna ist nach Auffassung des Botschafters kein Problem, schließlich sei Vinagera nach kubanischen Recht noch immer kubanischer Staatsbürger. Für die Ausreise, heißt es, sehe man allerdings ein "Restrisiko". Monika Bandera und Juan de Dios Vinagera wünschen sich verständlicherweise eine Garantie. Die sie nicht bekommen werden. Stattdessen gibt es vermutlich demnächst etwas viel Besseres: eine Eskorte. Carsten Fiebeler ("Neuruppin Forever") will auf Kuba einen Dokumentarfilm über Vinagera drehen. Parallel dazu trifft die Berengar Pfahl Film Produktion Vorbereitungen für einen Kinofilm.
Es könnte also sein, dass Juan de Dios Vinagera doch noch einmal groß herauskommt - einer der letzten, vielleicht der letzte noch lebende Musiker des Buena Vista Social Clubs. |

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